GFR-Wert: Was eine niedrige eGFR bedeutet
Auf deinem Befund steht zum Beispiel eine eGFR von 85. In einer Tabelle im Internet findest du dazu „Stadium 2“. Heißt das, dass du eine chronische Nierenerkrankung hast?
Aus dieser Zahl allein lässt sich das nicht ableiten. Eine eGFR zwischen 60 und 89 erfüllt ohne weitere Hinweise auf eine Nierenschädigung nicht die Kriterien einer chronischen Nierenerkrankung. Entscheidend ist auch, ob sich der Wert verändert hat und was eine Urinuntersuchung zeigt.
Vergleiche den Befund deshalb mit früheren Ergebnissen und kläre in der Praxis, ob Albumin im Urin untersucht wurde.
Was GFR und eGFR bedeuten
GFR steht für glomeruläre Filtrationsrate. Sie beschreibt die Filterleistung deiner Nieren. Das kleine „e“ davor steht für estimated, also geschätzt.
Bei einer eGFR wird die Filterleistung aus Laborwerten mit einer Formel berechnet. Zum Beispiel berücksichtigt die kreatininbasierte CKD-EPI-Formel von 2021 den Kreatininwert im Blut, dein Alter und dein Geschlecht.
Es gibt verschiedene Formeln und auch Berechnungen mit Cystatin C, einem weiteren Blutwert. Für den Vergleich brauchst du die Angabe, welche Formel verwendet wurde.
Die Einheit auf dem Befund lautet ml/min/1,73 m². Das bedeutet Milliliter pro Minute, bezogen auf eine Standardkörperoberfläche von 1,73 Quadratmetern. Diese Bezugsfläche macht Werte vergleichbar. Eine eGFR von 85 bedeutet also nicht, dass deine Nieren noch zu 85 Prozent funktionieren.
Stehen auf deinem Befund zusätzlich Kreatinin oder Harnstoff, sind das andere Angaben. Welche Untersuchung wofür steht, erklärt die Übersicht zu den Nierenwerten.
GFR-Werte in der Tabelle: Welche Kategorie ist das?
Die KDIGO-Leitlinie von 2024 unterscheidet folgende GFR-Kategorien. Alle Angaben gelten in ml/min/1,73 m².
| Kategorie | GFR-Wert | Bezeichnung |
|---|---|---|
| G1 | ab 90 | normal oder hoch |
| G2 | 60 bis 89 | leicht vermindert |
| G3a | 45 bis 59 | leicht bis mäßig vermindert |
| G3b | 30 bis 44 | mäßig bis stark vermindert |
| G4 | 15 bis 29 | stark vermindert |
| G5 | unter 15 | Nierenversagen |
G1 und G2 erfüllen ohne weitere Hinweise auf eine Nierenschädigung nicht die Kriterien einer chronischen Nierenerkrankung. „G2“ ist deshalb nicht automatisch die Diagnose „chronische Nierenerkrankung im Stadium 2“.
Auch bei niedrigeren Werten muss geklärt werden, seit wann die Veränderung besteht. Chronisch bedeutet hier, dass eine relevante Abweichung der Nierenstruktur oder Nierenfunktion mindestens drei Monate besteht. Eine GFR unter 60 über diesen Zeitraum erfüllt ein Kriterium für eine chronische Nierenerkrankung. Eine Nierenschädigung kann aber auch bei höherer GFR vorliegen, etwa bei anhaltend erhöhtem Albumin im Urin.
Drei Monate sind dabei keine pauschale Wartefrist. Bei einem neuen oder rasch verschlechterten Befund muss auch eine akute Ursache geprüft werden.
Auch eine eGFR unter 15 bedeutet nicht, dass sofort eine Dialyse beginnen muss. Dafür werden unter anderem Beschwerden, weitere Laborbefunde und die gesamte gesundheitliche Situation berücksichtigt.
Bei niedriger eGFR zählen Verlauf und Urinbefund
Ist der Wert zum ersten Mal zu niedrig, frag in der Praxis, wann er kontrolliert werden soll. Ein einzelner auffälliger Befund kann auch durch eine akute Veränderung entstehen. Wie rasch die Kontrolle nötig ist, hängt deshalb vom Befund und deiner gesundheitlichen Situation ab.
Frühere Werte helfen bei einer konkreten Frage: Ist die Filterleistung neu gesunken oder besteht die Abweichung schon länger? Such dafür alte Laborblätter und Arztbriefe heraus. Fehlen sie, frag die Hausarztpraxis, eine frühere behandelnde Praxis oder die Klinik nach vorhandenen Ergebnissen. Für den Vergleich zählen Datum, Einheit und verwendete Berechnungsmethode.
Dazu kommt eine andere Untersuchung: Albumin im Urin. Albumin ist ein Eiweiß. Ein erhöhter Wert im Urin kann auf eine Nierenschädigung hinweisen. Dafür wird der Albumin-Kreatinin-Quotient, kurz ACR oder UACR, verwendet. Er setzt Albumin und Kreatinin in derselben Urinprobe ins Verhältnis. Das ist etwas anderes als der Kreatininwert im Blut, aus dem eine eGFR berechnet wird.
KDIGO nennt einen ACR ab 30 mg/g (Milligramm Albumin pro Gramm Kreatinin) als einen möglichen Marker einer Nierenschädigung. Auch ein auffälliger ACR muss überprüft werden; aus einer einzelnen Urinprobe folgt nicht automatisch eine chronische Erkrankung. Wenn bisher nur Blut untersucht wurde, frag deshalb nach, ob ein Urin-ACR vorliegt oder ergänzt werden soll.
Wo die Schätzung an ihre Grenzen kommt
Die eGFR ist keine exakte Messung. Bei einer Berechnung aus Kreatinin kann beispielsweise eine ungewöhnlich hohe oder geringe Muskelmasse die Schätzung beeinflussen. Auch Kreatin als Supplement ist für die Befundbesprechung relevant. Warum der gemessene Stoff nicht nur von der Nierenfunktion abhängt, erklärt der Artikel über Kreatinin.
Nimm einen auffälligen Wert deshalb auch dann zur Besprechung mit, wenn du viel Sport machst oder Kreatin einnimmst.
Bei unklaren Ergebnissen kann Cystatin C als zusätzlicher Blutwert helfen. Eine kombinierte Schätzung aus Kreatinin und Cystatin C kann genauer sein als eine Schätzung aus einem Marker allein. Auch Cystatin C hat allerdings eigene Einflussfaktoren.
Welcher Test zu deiner Situation passt, hängt deshalb von der konkreten Fragestellung ab. Wenn eine genauere Bestimmung nötig ist, kommt auch eine gemessene GFR infrage. Dabei wird untersucht, wie schnell ein dafür verabreichter Marker aus dem Blut entfernt wird.
Und wenn ein Online-Rechner plötzlich einen anderen Wert ausgibt? Prüfe zuerst Eingaben, Einheit und Formel. Eine andere Berechnung beweist noch keine Veränderung deiner Nierenfunktion. Für den Verlauf brauchst du vergleichbare Ergebnisse.
So bereitest du die Besprechung vor
Nimm den aktuellen Laborbefund mit Datum, frühere Ergebnisse und vorhandene Urinbefunde mit. Schreib dazu auf, welche Medikamente und Supplements du einnimmst, auch Kreatin. So lässt sich prüfen, ob etwas davon für die Bewertung des Befunds oder die weitere Untersuchung wichtig ist.
Diese Fragen kannst du direkt stellen:
- Wann soll die eGFR erneut kontrolliert werden?
- Liegt ein Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin vor oder soll er ergänzt werden?
- Ist die kreatininbasierte Schätzung bei mir aussagekräftig oder braucht es eine zusätzliche Untersuchung?
Ob du zusätzlich eine Fachpraxis für Nierenerkrankungen (Nephrologie) brauchst, hängt unter anderem von Ursache, Verlauf und Urinbefund ab. Bei bekannter chronischer Nierenerkrankung ist eine eGFR unter 30 ml/min/1,73 m² ein Anlass für diese fachärztliche Betreuung.
Fehlen dir alte Befunde, vereinbare die Besprechung des aktuellen Ergebnisses trotzdem und frage die Unterlagen parallel an.
