Was ist die HCG-Diät und ist sie gefährlich?
Du hast gelesen, dass ein paar Tropfen unter der Zunge den Fettabbau anschieben. Zehn Kilo in drei Wochen, ohne Hunger, weil das Hormon angeblich an die alten Reserven geht.
Das klingt gut. Deshalb hält sich die Idee auch seit über 70 Jahren.
Die kurze Antwort: Die HCG-Diät besteht aus zwei Dingen, und nur eines davon wirkt. Die 500 Kalorien am Tag lassen dich abnehmen. Das hCG tut nichts dazu. Das ist keine Meinung, das ist seit Jahrzehnten untersucht.
Diese Seite trennt beide Teile sauber auf: das Kalorienschema, das Hormon, die Globuli und die Rechtslage in Deutschland.
Woher die HCG-Diät kommt
Der britische Arzt Albert Simeons arbeitete in Rom und beobachtete Jungen, die mit hCG behandelt wurden. Ihm fiel auf, dass sich ihre Körperform veränderte. Daraus baute er eine Theorie: Das Hormon mache Fettreserven verfügbar, die der Körper sonst nicht anrührt.
1954 veröffentlichte er das im Fachblatt „The Lancet“.1 Im selben Jahr erschien sein Buch „Pounds and Inches“ mit dem konkreten Schema. Dieses Schema ist bis heute die Vorlage für alles, was unter HCG-Diät verkauft wird, auch für die deutsche Stoffwechselkur.
Wie das Schema grob aussieht
Simeons beschrieb einen Ablauf, der bis heute nachgebaut wird: erst ein paar Tage bewusst viel essen, dann über einige Wochen eine sehr strenge Phase mit einer Kalorienmenge in der Größenordnung von 500 am Tag, dazu täglich hCG, und danach eine Phase, in der die Kalorien wieder steigen.
Den Originalplan mit Mengen, Lebensmittelliste, Steigerungsschema und Rezepten findest du hier nicht.
Ich weiß, dass viele Leute genau danach suchen. Ich drucke ihn trotzdem nicht ab. Essen in dieser Größenordnung über Wochen ist nichts, was man sich aus einem Blogartikel zusammensucht. Und ein Plan, dessen Verkaufsargument ein Wirkstoff ist, der in kontrollierten Studien nichts bewirkt hat, erzählt nur die halbe Geschichte. Was stattdessen sinnvoll ist, steht weiter unten.
Teil 1: Die 500 Kalorien
Hier passiert die ganze Abnahme.
Ein erwachsener Körper verbraucht grob 1.800 bis 2.600 Kalorien am Tag. Wenn du 500 isst, fehlen jeden Tag etwa 1.500. Die holt sich der Körper aus den eigenen Reserven. Das ist das Kaloriendefizit, und es funktioniert bei jedem Menschen, unabhängig davon, was er dazu einnimmt.
Deshalb sind die Erfolgsgeschichten auch echt. Die Leute haben wirklich abgenommen. Nur eben nicht wegen der Tropfen.
Was dabei aber oft durcheinandergeht: Das Gewicht auf der Waage ist nicht dasselbe wie Fett.
Ein Kilo Körperfett entspricht rund 7.700 Kalorien. Bei etwa 1.500 fehlenden Kalorien am Tag wären das über drei Wochen grob 4 Kilo Fett. Das ist ein theoretisches Fettäquivalent, gerechnet und nicht gemessen, denn der Verbrauch sinkt beim Hungern und auch Glykogen (der Kohlenhydratspeicher) und Eiweiß liefern Energie.
Wer in dieser Zeit deutlich mehr verliert, verliert also nicht nur Fett. Der Körper leert zuerst seine Kohlenhydratspeicher, und daran hängt Wasser. Zwei bis drei Kilo in den ersten Tagen sind normal und kommen zurück, sobald du wieder normal isst. Bei so wenig Energie und wenig Eiweiß kann außerdem fettfreie Masse verloren gehen, also Wasser, Glykogen und auch Muskel. Wie sich der Verlust genau aufteilt, hängt vom Eiweiß, vom Training und vom Ausgangsgewicht ab.
Teil 2: Was hCG selbst macht
Nichts, was beim Abnehmen hilft. Und das ist gut untersucht.
1995 haben niederländische Forscher alle auffindbaren Studien zur Simeons-Methode systematisch bewertet. Es waren 8 kontrollierte und 16 unkontrollierte Untersuchungen, jede nach festen Qualitätskriterien geprüft. Ihr Schluss: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, dass hCG bei Adipositas wirkt. Kein zusätzlicher Gewichtsverlust, keine Umverteilung von Fett, kein geringerer Hunger, kein besseres Befinden.2
Der Aufbau dieser Studien ist der entscheidende Punkt. Beide Gruppen bekamen dieselbe strenge Diät. Die eine Gruppe bekam zusätzlich hCG, die andere ein Scheinpräparat. Beide nahmen gleich viel ab. Genau so trennt man eine echte Wirkung vom Effekt des Kalorienmangels.
Auch in den USA ist das lange amtlich. Seit 1974 muss auf der Packungsbeilage von hCG-Präparaten stehen, dass das Hormon beim Abnehmen nichts über die Kalorienreduktion hinaus bewirkt.3
Warum Menschen trotzdem etwas spüren
Das ist keine Einbildung, und es macht die Berichte auch nicht unehrlich.
Wer 500 Kalorien isst, nimmt schnell ab. Wer dazu täglich etwas einnimmt, einen Plan befolgt und sich täglich wiegt, schreibt dieses Ergebnis dem Präparat zu. Dazu kommt die Erwartung: Wenn dir jemand sagt, dass du keinen Hunger haben wirst, nimmst du Hunger anders wahr. Genau deshalb braucht es Vergleichsgruppen mit Scheinpräparat. Sie zeigen, was übrig bleibt, wenn man die Erwartung abzieht. Bei hCG bleibt nichts übrig.
Teil 3: Globuli und Tropfen
Hier kommt die zweite Ebene dazu.
Selbst wenn hCG wirken würde: In einem homöopathisch gekennzeichneten Präparat ist praktisch keins mehr enthalten. Die üblichen Globuli und Tropfen tragen meist die Potenz C30. Das heißt, der Ausgangsstoff wurde 30 Mal hintereinander im Verhältnis 1 zu 100 verdünnt.
Rechne kurz mit: Schon ab etwa der zwölften Stufe ist in einer üblichen Einzelmenge rechnerisch kein Molekül des Ausgangsstoffs mehr zu erwarten. C30 liegt 18 Stufen darüber. Was du bei einem so gekennzeichneten Produkt zu dir nimmst, ist ein Zuckerkügelchen oder Wasser mit Alkohol.
Ein Vorbehalt gehört dazu: Was tatsächlich in einem frei verkauften Produkt steckt, sagt dir die Aufschrift nur, solange sie stimmt. In den USA haben Arzneimittel- und Wettbewerbsbehörde 2011 rezeptfreie hCG-Abnehmprodukte als nicht zugelassen und irreführend eingestuft und Hersteller zum Rückzug aufgefordert. In der Fachliteratur wird außerdem darauf hingewiesen, dass hCG in keiner anerkannten homöopathischen Arzneimittellehre als homöopathisches Mittel geführt wird.3 Bei Ware aus dem Graumarkt weißt du also nicht sicher, was du da nimmst.
Teil 4: Die Rechtslage in Deutschland
Zwei Dinge, die oft verwechselt werden.
Echtes hCG ist verschreibungspflichtig. Es gibt zugelassene Arzneimittel mit dem Hormon, zum Beispiel Brevactid. Die Zulassung gilt aber für ganz andere Zwecke: für die Fruchtbarkeit bei bestimmten Hormonstörungen und in der Kinderheilkunde bei Hodenhochstand.4 Abnehmen steht nicht in den Anwendungsgebieten. Wer es dafür einsetzt, bewegt sich außerhalb der Zulassung.
Frei verkäuflich sind nur die homöopathischen Formen. Globuli, Tropfen und Sprays bekommst du ohne Rezept. Genau weil sie so stark verdünnt sind, dass rechnerisch kein Wirkstoff mehr enthalten ist.
Das heißt: Was wirken könnte, gibt es nicht ohne Rezept. Und was du ohne Rezept bekommst, kann nicht wirken.
Ist die HCG-Diät gefährlich?
Da muss man drei Dinge auseinanderhalten, weil sie unterschiedlich riskant sind.
Die 500 Kalorien bringen die Risiken mit, die unten stehen. Das ist der größte Teil.
Echtes hCG, also das verschreibungspflichtige Arzneimittel, ist kein harmloser Stoff. Es greift in den Hormonhaushalt ein und hat eigene mögliche Nebenwirkungen, unter anderem auf den Zyklus. Deshalb ist es rezeptpflichtig und gehört in ärztliche Hände.
Produkte aus dem Graumarkt sind der unklare Fall. Wenn du nicht sicher weißt, was drin ist, kannst du auch das Risiko nicht abschätzen.
Gallensteine. In einer schwedischen Auswertung mit jeweils 3.320 Teilnehmern traten bei rund 500 Kalorien am Tag 48 Fälle von Gallensteinen auf, die im Krankenhaus versorgt werden mussten. In der Vergleichsgruppe mit 1.200 bis 1.500 Kalorien waren es 14 Fälle.5 Das ist etwa das Dreifache, absolut gesehen bleibt es aber selten. Gezählt wurden nur Steine, die Beschwerden machten und in einer Klinik behandelt wurden. Schneller Gewichtsverlust verändert die Zusammensetzung der Galle.
Elektrolyte und Herz. Elektrolyte sind Salze wie Natrium, Kalium und Magnesium. Herz und Muskeln brauchen sie, um sauber zu arbeiten. Bei sehr wenig Essen geraten sie leicht aus dem Gleichgewicht, und dann kann der Herzrhythmus stolpern.
Verlust an fettfreier Masse. Ohne genug Eiweiß verliert der Körper bei so großem Defizit auch fettfreie Masse, also Wasser, Glykogen und Muskel. Weniger Muskelmasse senkt deinen Grundverbrauch und macht das Halten danach schwerer.
Alltag. Frieren, Schwindel beim Aufstehen, Kopfschmerzen, schlechte Konzentration, Haarausfall nach einigen Wochen. Das steht so in fast jedem Erfahrungsbericht.
Wenn du Medikamente nimmst, besonders gegen Diabetes, hohen Blutdruck oder zur Entwässerung, gehört so ein Schema vorher in ein ärztliches Gespräch. Die Dosis kann sich ändern, sobald du plötzlich viel weniger isst. Dasselbe gilt bei Schwangerschaft, Stillzeit, Herzerkrankungen und wenn du früher eine Essstörung hattest.
Was stattdessen, wenn es schnell gehen soll
Der Wunsch nach Tempo ist nicht das Problem. Das Problem ist ein schnelles Schema ohne Sicherheitsnetz.
Es gibt eine strenge Kurzdiät, die sauber gebaut ist: PSMF, proteinsparendes modifiziertes Fasten. Da liegt das Defizit auch hoch, aber das Eiweiß ist bewusst hoch angesetzt, damit die Muskeln weitgehend geschützt bleiben. Dazu gehören Elektrolyte, eine klare Zeitgrenze und ein Plan für den Ausstieg. Kein Hormon, kein Kügelchen, kein Produktpaket.
Und wenn du erst mal wissen willst, wie schnell Abnehmen überhaupt realistisch ist, hilft der Blick auf Crash-Diäten und auf dein tatsächliches Kaloriendefizit.
Fazit
Die HCG-Diät funktioniert, aber nicht durch hCG. Das Kaloriendefizit macht die Arbeit, und der größte Teil der Risiken hängt ebenfalls daran. Das Hormon hat in den kontrollierten Studien nicht mehr geleistet als ein Scheinpräparat. In homöopathisch gekennzeichneten Globuli ist ohnehin praktisch keins mehr enthalten.
Wenn du gerade mittendrin bist oder schon Geld ausgegeben hast: Das ist kein Fehler, den du dir vorwerfen musst. Die Idee wird seit den Fünfzigern professionell verkauft. Du hast nur für den falschen Teil bezahlt. Der Teil, der wirkt, kostet nichts.
Wie dasselbe Konzept in Deutschland als Produktpaket vermarktet wird, steht im Artikel zur Stoffwechselkur.
Quellen
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Simeons, A. T. W. (1954): “The action of chorionic gonadotrophin in the obese”. The Lancet 267(6845), 946 bis 947. doi:10.1016/S0140-6736(54)92556-8. Link ↩
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Lijesen, G. K. et al. (1995): “The effect of human chorionic gonadotropin (HCG) in the treatment of obesity by means of the Simeons therapy: a criteria-based meta-analysis”. British Journal of Clinical Pharmacology 40(3), 237 bis 243. doi:10.1111/j.1365-2125.1995.tb05779.x. Link ↩
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Pandey, S. K. (2012): “HCG: Yet another fraudulence”. Journal of Pharmacy and Bioallied Sciences 4(3), 255 bis 256. doi:10.4103/0975-7406.99068. Link Über diese Fachpublikation sind auch der Warnhinweis auf der US-Packungsbeilage seit 1974 und die Maßnahme der US-Behörden von 2011 belegt. Die entsprechende Informationsseite der FDA war zum Zeitpunkt der Recherche nicht abrufbar. ↩ ↩2
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Rote Liste: Fachinformation BREVACTID 1500 I.E., Abgabebestimmung verschreibungspflichtig, Anwendungsgebiete Andrologie und Pädiatrie. Link ↩
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Johansson, K. et al. (2014): “Risk of symptomatic gallstones and cholecystectomy after a very-low-calorie diet or low-calorie diet in a commercial weight loss program: 1-year matched cohort study”. International Journal of Obesity 38(2), 279 bis 284. doi:10.1038/ijo.2013.83. Link ↩