Dr. Dotzauer

Niedriger Blutdruck: Werte verstehen und richtig reagieren

Ein niedriger Wert auf dem Blutdruckmessgerät und Schwindel beim Aufstehen können zusammenhängen. Sie sind aber zwei unterschiedliche Ausgangspunkte: Du kannst niedrige Werte haben und dich gut fühlen. Du kannst auch Schwindel haben, dessen Ursache noch gar nicht feststeht.

Für den nächsten Schritt zählt deshalb, was du gemessen hast, wann die Beschwerden auftreten und wie es dir dabei geht. Ein einzelner Zahlenwert beantwortet diese Fragen nicht. Wenn du gerade das Gefühl hast, ohnmächtig zu werden, kümmere dich zuerst um einen sicheren Platz zum Hinlegen. Die Messung kann warten.

Ab wann ist der Blutdruck zu niedrig?

Niedriger Blutdruck heißt auch Hypotonie. Als Anhaltspunkt nennt der britische Gesundheitsdienst NHS Werte unter 90/60 mmHg. Die erste Zahl ist der obere, systolische Wert, die zweite der untere, diastolische Wert. mmHg ist die übliche Einheit für den Blutdruck.

90/60 ist dabei keine Grenze, an der ein ungefährlicher Zustand plötzlich gefährlich wird. Niedrige Ruhewerte können ohne Beschwerden vorkommen. Umgekehrt lässt sich aus Schwindel allein nicht schließen, dass dein Blutdruck zu niedrig ist. Dafür braucht es passende Messungen und den Zusammenhang mit deinen Beschwerden.

Sind die Werte bei dir schon länger so, und fühlst du dich dabei gut? Oder hat sich etwas verändert, etwa Schwindel nach dem Aufstehen oder eine Ohnmacht? Neue oder wiederkehrende Beschwerden gehören abgeklärt, auch wenn eine einzelne Messung im Sitzen unauffällig ausfällt.

Wie du das Wertepaar liest und welche Messbedingungen wichtig sind, erklärt der Überblick zum Blutdruck.

Was tun bei Schwindel oder drohender Ohnmacht?

Wenn du merkst, dass du gleich ohnmächtig wirst, leg dich hin und lagere die Beine nach Möglichkeit hoch. Falls Hinlegen gerade nicht möglich ist, setz dich hin und senke den Kopf zwischen die Knie. Versuche nicht, den Schwindel durch Weitergehen oder Training zu überwinden. Diese Schritte sollen zunächst verhindern, dass du stürzt. Die NHS-Information zu Ohnmacht beschreibt diese Reaktion bei drohender Ohnmacht.

Bei Bewusstlosigkeit, erheblicher Bewusstseinstrübung, schwerer Atemnot oder starken Brustschmerzen gilt in Deutschland: 112 anrufen. Warte dann nicht auf einen bestimmten Blutdruckwert. Diese Warnzeichen sind auch dann ein Notfall, wenn du deinen Blutdruck gar nicht kennst.

Wenn du ohnmächtig geworden bist und dich wieder erholt hast, lass die Ursache ärztlich klären. Dasselbe gilt bei wiederkehrendem Schwindel. Für dringende Beschwerden, die außerhalb der Praxiszeiten nicht bis zum nächsten Tag warten können, ist die 116117 zuständig, sofern kein lebensbedrohlicher Notfall vorliegt. Der ärztliche Bereitschaftsdienst erklärt den Unterschied zwischen 116117 und 112.

Wenn der Blutdruck beim Aufstehen abfällt

Schwindel direkt nach dem Aufstehen wirft eine andere Frage auf als ein niedriger Wert in Ruhe: Verändert sich dein Blutdruck beim Wechsel vom Liegen zum Stehen? Ein ausgeprägter Abfall heißt orthostatische Hypotonie. „Orthostatisch“ bezieht sich hier auf das Aufrichten des Körpers.

Für die klassische Form gilt als Definition ein anhaltender Abfall innerhalb von drei Minuten nach dem Aufstehen: mindestens 20 mmHg beim oberen Wert oder mindestens 10 mmHg beim unteren Wert. Es reicht also, wenn einer der beiden Werte entsprechend fällt. Die wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association beschreibt diese Definition und die Bedeutung der Messbedingungen.

Ein reines Rechenbeispiel: Von 125/80 auf 100/70 mmHg fällt der obere Wert um 25, der untere um 10 mmHg. Das veranschaulicht den Unterschied zur Orientierung von 90/60. Der Wert nach dem Aufstehen muss nicht unter 90/60 liegen, damit ein deutlicher Abfall vorliegt. Das Beispiel stellt keine Diagnose.

Niedriger Ruhewert und Blutdruckabfall nach dem Aufstehen Niedriger Ruhewert 88/58 mmHg Wie hoch ist der Wert in Ruhe? Abfall nach dem Aufstehen Liegen: 125/80 mmHg Stehen: 100/70 mmHg Oben: minus 25 mmHg Unten: minus 10 mmHg Hier zählt die Veränderung.
Reine Zahlenbeispiele: Die Höhe eines Ruhewerts und ein Abfall nach dem Aufstehen beantworten unterschiedliche Fragen. Beschwerden und Messablauf gehören zur Beurteilung dazu.

In der Praxis wird dafür nach einer Ruhephase im Liegen und anschließend im Stehen gemessen. Dabei zählt auch, ob deine typischen Beschwerden auftreten. Wenn du leicht stürzt oder schon ohnmächtig geworden bist, probiere diesen Lagewechsel nicht allein als Test aus. Lass die Messung begleitet in der Praxis durchführen.

Die Drei-Minuten-Definition erfasst außerdem nicht jeden möglichen Verlauf. Manche Abfälle treten sehr früh oder später auf. Deshalb kann eine einzelne unauffällige Messung die Frage offenlassen, wenn du im Alltag immer wieder Beschwerden beim Aufstehen hast.

Welche Ursachen kommen infrage?

Niedrige Werte können zur persönlichen Veranlagung gehören. Der Blutdruck verändert sich aber auch mit Tageszeit und Tätigkeit. Aus „mein Blutdruck ist niedrig“ lässt sich deshalb noch keine Ursache ableiten.

Bei Beschwerden nach dem Aufstehen wird unter anderem geprüft, ob zu wenig Flüssigkeit im Kreislauf oder Medikamente zum Abfall beitragen. Auch die Regulation des Blutdrucks kann gestört sein. Welche Erklärung bei dir passt, lässt sich anhand einer Symptomliste im Internet nicht feststellen.

Für die Abklärung ist zunächst der Ablauf aufschlussreich: Begann es plötzlich oder besteht es schon länger? Passiert es nach dem Aufstehen, bei längerem Stehen oder in Wärme? Welche Medikamente nimmst du, und wurde daran zuletzt etwas verändert? Die Antworten helfen, die weitere Untersuchung und die passenden Messzeitpunkte zu wählen.

Setz Medikamente wegen eines niedrigen Werts nicht selbst ab. Zur Prüfung gehören verschriebene und frei verkäufliche Mittel. Ein Blutdruckabfall beim Aufstehen kann sogar gemeinsam mit Bluthochdruck bestehen. Dann muss die ärztliche Anpassung beide Probleme berücksichtigen. Alle blutdrucksenkenden Mittel pauschal wegzulassen wäre daraus die falsche Folgerung.

Der Fachreview von Wieling und Kollegen beschreibt diesen Weg über Vorgeschichte, Medikamentenprüfung und Messungen im Liegen und Stehen. Ob weitere Untersuchungen sinnvoll sind, ergibt sich aus diesen Befunden.

Was du im Alltag ausprobieren kannst

Wenn Beschwerden beim Aufstehen auftreten, steh in Etappen auf: aus dem Liegen zunächst hinsetzen und dann langsam aufstehen. So verringerst du den abrupten Lagewechsel. Bei drohender Ohnmacht gilt weiterhin: erst hinlegen und einen Sturz vermeiden.

Achte außerdem darauf, wann die Beschwerden entstehen. Wenn langes Stehen oder Wärme bei dir wiederholt Schwindel auslösen, kannst du diese Situationen gezielt anpassen, etwa eine Sitzmöglichkeit nutzen. Das ist konkreter als der pauschale Rat, du müsstest „deinen Kreislauf trainieren“. Bewegung trotz akut unsicherem Stand ist kein sinnvoller erster Versuch.

Solche Anpassungen können bei orthostatischer Hypotonie helfen. Entscheidend ist, ob du im Alltag besser zurechtkommst, beispielsweise sicherer aufstehen kannst. Eine höhere Zahl auf dem Messgerät allein ist noch kein ausreichender Erfolg.

Mehr Wasser oder mehr Salz?

Wasser kann den Blutdruck in bestimmten Situationen kurzfristig beeinflussen. In einer kleinen Studie mit 25 Menschen im Alter von 60 bis 92 Jahren mit alterungsbezogener orthostatischer Hypotonie war der obere Blutdruckwert im Stehen nach dem Trinken von Wasser höher. Eine Verbesserung der Beschwerden beim Stehen wurde dabei nicht nachgewiesen. Menschen mit vorgeschriebener Flüssigkeitsbegrenzung waren von der Studie ausgeschlossen.

Der Versuch beantwortet damit weder, welche Trinkmenge für dich passt, noch ob mehr Trinken deinen Schwindel lindert. Er zeigt vor allem, warum ein Messwerteffekt und spürbare Hilfe zwei verschiedene Ergebnisse sind.

Auch zusätzliches Salz passt nicht pauschal für jeden mit niedrigen Werten. Besonders wenn der Blutdruck im Liegen erhöht ist, kann die Empfehlung mit dem anderen Blutdruckproblem in Konflikt geraten. Bestehen wegen einer Herz- oder Nierenerkrankung Vorgaben zu Flüssigkeit oder Salz, kläre Änderungen mit deiner Praxis. Übernimm dafür keine allgemeine Trink- oder Salzkur aus einem Ratgeber.

So bereitest du die Abklärung vor

„Mir ist manchmal schwindelig“ beschreibt dein Problem. Für die Suche nach der Ursache hilft es, den Ablauf festzuhalten. Wenn du bereits Blutdruckwerte misst, notiere zusammen mit den Zahlen:

  • Zeitpunkt und Körperposition: Wann war die Messung, und hast du gelegen, gesessen oder gestanden?
  • Beschwerden: Was hast du gespürt, wann fing es an und wie lange dauerte es?
  • Situation davor: Warst du gerade aufgestanden, länger gestanden oder in einer warmen Umgebung?
  • Verlauf: Ist es neu, tritt es wiederholt auf, und gab es eine Ohnmacht oder einen Sturz?

Nimm außerdem eine Liste deiner Medikamente mit, einschließlich frei verkäuflicher Mittel und kürzlicher Änderungen. Auch ein bereits vorhandenes Messprotokoll gehört dazu.

Die Notizen können einen Zusammenhang sichtbar machen und helfen bei der Abklärung. Bei wiederkehrenden Beschwerden vereinbare einen Termin in deiner Hausarztpraxis und bring diese Notizen mit. Welche zusätzlichen Messungen oder Untersuchungen nötig sind, lässt sich dann gezielt klären.