MCV, MCH und MCHC: Was bedeuten die Blutwerte?
Auf deinem Blutbefund ist MCH zu hoch, MCHC aber normal. Wie passt das zusammen?
Die Werte beantworten unterschiedliche Fragen. MCV beschreibt die durchschnittliche Größe der roten Blutkörperchen. MCH sagt, wie viel roter Blutfarbstoff, also Hämoglobin, im Durchschnitt in einer Zelle steckt. MCHC setzt diese Menge ins Verhältnis zum Zellvolumen. Eine größere Zelle kann mehr Hämoglobin enthalten, ohne dass dessen Konzentration steigt.
Ob eine Blutarmut (Anämie) vorliegt, ist eine weitere Frage. Dafür zählt der Hb-Wert. Ein Pfeil neben MCV, MCH oder MCHC reicht für diese Diagnose nicht aus. Wie Hb und Zellindizes dafür zusammen betrachtet werden, beschreibt die KBV in ihren Empfehlungen zur Anämiediagnostik.
MCV, MCH und MCHC beschreiben verschiedene Eigenschaften
Die drei Werte heißen Erythrozytenindizes. Erythrozyten sind rote Blutkörperchen. Die Indizes gehören bereits zum kleinen Blutbild.
| Wert | Was er beschreibt | Einheit |
|---|---|---|
| MCV, mittleres Zellvolumen | Wie groß ist eine rote Blutzelle im Durchschnitt? | Femtoliter (fL) |
| MCH, mittlerer Hämoglobingehalt | Wie viel Hämoglobin enthält eine rote Blutzelle durchschnittlich? | Pikogramm (pg) |
| MCHC, mittlere Hämoglobinkonzentration | Wie viel Hämoglobin kommt auf das Volumen der roten Blutzellen? | g/dL oder g/L |
Femtoliter ist eine Volumeneinheit, Pikogramm eine Masseneinheit. Die kleinen Einheiten passen zu den winzigen Zellen.
Bei MCHC lohnt sich der genaue Blick auf den Bezug: Der Wert beschreibt die Hämoglobinkonzentration im Volumen der roten Blutkörperchen. Der Hb-Wert auf dem Befund beschreibt dagegen die Hämoglobinkonzentration im gesamten Blut, einschließlich des flüssigen Anteils. Deshalb können Hb und MCHC beide in g/dL stehen und trotzdem sehr unterschiedliche Zahlen haben.
MCV kann das Analysegerät direkt messen. MCH und MCHC werden aus anderen Blutbildwerten berechnet. Die Definitionen und Formeln findest du bei Thomas, Labor und Diagnose, Abschnitt 15.2.2.
Warum MCH hoch und MCHC normal sein können
Stell dir zwei rein rechnerische Blutproben vor. Beide haben einen Hb-Wert von 15 g/dL und einen Hämatokrit von 45 %. Hämatokrit bezeichnet hier den Volumenanteil der roten Blutkörperchen am Blut. In Probe A verteilen sich diese 45 % auf 5 Millionen Zellen pro Mikroliter, in Probe B auf 4,5 Millionen.1
Weniger Zellen bei gleichem gesamten Zellvolumen bedeutet: Die einzelne Zelle ist im Durchschnitt größer. Und weil sich dieselbe Hämoglobinmenge auf weniger Zellen verteilt, enthält jede Zelle mehr davon.
Mit den Einheiten dieses Beispiels lässt sich das so nachrechnen:
- MCV in fL: Hämatokrit in % × 10 ÷ Erythrozytenzahl in Millionen/µL. Für A also 45 × 10 ÷ 5 = 90 fL, für B 45 × 10 ÷ 4,5 = 100 fL.
- MCH in pg: Hb in g/dL × 10 ÷ Erythrozytenzahl in Millionen/µL. Das ergibt 30 pg für A und gerundet 33,3 pg für B.
- MCHC in g/dL: Hb in g/dL × 100 ÷ Hämatokrit in %. Für beide Proben 15 × 100 ÷ 45, also gerundet 33,3 g/dL.1
Das erklärt den scheinbaren Widerspruch auf dem Befund: Mehr Hämoglobin pro Zelle bedeutet nicht zwangsläufig eine höhere Konzentration. Die Zelle kann zugleich größer sein. Ob die Werte auffällig sind und warum, ist mit dieser Rechnung noch nicht beantwortet.
Welche Normalwerte gelten für Erwachsene?
Für deinen Befund ist der Referenzbereich des untersuchenden Labors maßgeblich. Eine Tabelle aus dem Internet kann dir die Größenordnung zeigen. Sie sollte den Bereich neben deinem eigenen Messwert aber nicht ersetzen.
Ein Quellenbeispiel für Erwachsene nennt Thomas in Tabelle 15.2-2:
| Wert | Referenzbereich nach Thomas, Erwachsene |
|---|---|
| MCV | 80 bis 96 fL |
| MCH | 28 bis 33 pg |
| MCHC | 330 bis 360 g/L, entsprechend 33 bis 36 g/dL |
Das sind keine universellen Grenzen. Labore können je nach Verfahren und untersuchter Personengruppe andere Referenzbereiche angeben. Kinder- und Schwangerschaftsbefunde lassen sich mit dieser Erwachsenentabelle nicht beurteilen.
Achte beim Vergleichen besonders auf die Einheit der MCHC: 1 g/dL entspricht 10 g/L. Eine MCHC von 33 g/dL ist also dasselbe wie 330 g/L. Steht auf einem alten Befund 33 und auf einem neuen 330, kann allein die andere Einheit den Zahlenunterschied erklären. Vergleiche deshalb immer Zahl, Einheit und Referenzbereich zusammen.1
MCV, MCH oder MCHC zu niedrig: Wie geht die Suche weiter?
Ein niedriges MCV bedeutet, dass die roten Blutkörperchen im Durchschnitt klein sind. Bei niedrigem MCH enthalten sie weniger Hämoglobin pro Zelle. Ist MCHC vermindert, ist die Hämoglobinkonzentration bezogen auf das Zellvolumen niedrig.
Diese Veränderungen können zu einem Eisenmangel passen. Sie beweisen ihn aber nicht. Auch eine Thalassämie, also eine angeborene Störung der Hämoglobinbildung, oder manche Anämien bei chronischen Erkrankungen können mit niedrigen MCV- und MCH-Werten einhergehen. Diese begrenzte Aussagekraft betont die britische Leitlinie zur Eisenmangelanämie.
Für die nächste Frage brauchst du Hb: Liegt eine Blutarmut vor? Liegt dein Hb-Wert unterhalb der für dich geltenden Grenze, liegt eine Anämie vor. Das gilt auch dann, wenn MCV oder MCHC im Referenzbereich liegen.
Bei der Eisenfrage hilft dagegen Ferritin als Hinweis auf die Eisenspeicher. Die Speicher können schon vermindert sein, während Hb noch normal ist. Deshalb beantwortet ein normales Hb die Frage nach einem Eisenmangel nicht.
Ferritin hat wiederum eine Besonderheit: Bei Entzündungen kann es normal oder erhöht erscheinen, obwohl Eisen fehlt. Die Praxis kann den Entzündungswert CRP und je nach Befund die Transferrinsättigung hinzunehmen. Welche Untersuchung gebraucht wird, ergibt sich aus den vorhandenen Werten und Beschwerden.
Frag bei niedrigen Zellindizes konkret: „Ist ein Eisenmangel durch den Eisenstatus belegt? Und passt der Rest des Blutbilds dazu?“ So lässt sich klären, ob Eisen fehlt oder eine andere Ursache gesucht werden muss, bevor du auf eigene Faust Eisen einnimmst.
MCV oder MCH zu hoch: Welche Ursachen kommen infrage?
Ein erhöhtes MCV beschreibt im Mittel vergrößerte rote Blutkörperchen, eine Makrozytose. Weil größere Zellen mehr Hämoglobin enthalten können, steigt MCH dabei mitunter mit. MCHC kann trotzdem normal bleiben, wie im Rechenbeispiel oben.
Mögliche Ursachen einer solchen Veränderung sind ein Vitamin-B12- oder Folatmangel, Lebererkrankungen, Alkohol und bestimmte Medikamente. Auch vermehrte Retikulozyten können MCV erhöhen. Das sind junge rote Blutkörperchen, die größer als reife Zellen sind. Welche dieser Möglichkeiten zu deinem Befund passt, lässt sich aus MCV allein nicht ablesen.
Für die Suche nach einem Vitamin-B12-Mangel gilt: Ein normales MCV oder eine fehlende Anämie schließen ihn nicht aus. Das hält die NICE-Leitlinie NG239 ausdrücklich fest. Beschwerden und mögliche Risikofaktoren gehören deshalb ins Gespräch, auch wenn der typische Pfeil neben MCV fehlt.
Dazu kommt: MCV ist ein Mittelwert. Sind in einer Probe kleinere und größere Zellen vorhanden, kann ihr Durchschnitt im Referenzbereich liegen. RDW beschreibt die Größenstreuung und liefert eine zusätzliche Information. Bei Bedarf kann das Labor die Zellen auch im Blutausstrich unter dem Mikroskop beurteilen.
Ein hohes MCV allein begründet kein Vitaminpräparat. Lass anhand des Gesamtbefunds klären, welche Ursache geprüft werden soll.
MCHC zu hoch: Passt die Messung zu den anderen Werten?
Eine erhöhte MCHC kann einen tatsächlichen Befund an den roten Blutkörperchen anzeigen. Sie kann aber auch durch Einflüsse auf die Messung entstehen. Die Onkopedia-Leitlinie zur hereditären Sphärozytose nennt beide Möglichkeiten. Die Sphärozytose, auch Kugelzellenanämie genannt, ist eine der möglichen medizinischen Ursachen. Aus einer erhöhten MCHC allein lässt sie sich nicht diagnostizieren.
Warum das Labor mitprüfen muss, zeigt das Beispiel der Kälteagglutinine. Diese Antikörper können rote Blutkörperchen verklumpen lassen und damit die automatisierte Zählung und die daraus bestimmten Indizes beeinflussen.
Eine Laboruntersuchung von Rim und Kollegen aus dem Jahr 2018 untersuchte das an 16 Blutproben eines einzigen Patienten auf vier Analysegeräten. Sie zeigt, dass solche Messbeeinflussungen vorkommen und vom Gerät sowie der Probenbehandlung abhängen können. Wie häufig sie hinter einer erhöhten MCHC stecken, beantwortet diese Untersuchung nicht.
Bei einer auffälligen MCHC sollen Praxis und Labor deshalb Hb, Hämatokrit und Erythrozytenzahl auf Plausibilität prüfen und entscheiden, ob eine erneute Messung oder weitere Diagnostik nötig ist. Den Pfeil pauschal als Messfehler abzutun wäre genauso voreilig wie daraus eine bestimmte Erkrankung abzuleiten.
Was du für das Gespräch in der Praxis brauchst
Mit MCV, MCH und MCHC bekommst du Hinweise auf die roten Blutkörperchen. Einen umfassenden Nährstofftest bekommst du damit nicht. Ob zum Beispiel Eisen oder Vitamin B12 fehlen, muss bei entsprechendem Verdacht gezielt geprüft werden.
Nimm zum Gespräch mit:
- den vollständigen Laborbefund mit Einheiten und Referenzbereichen, statt nur die drei auffälligen Zahlen abzuschreiben,
- frühere Befunde, soweit vorhanden,
- eine kurze Notiz zu Beschwerden und seit wann sie bestehen, auch zu bekannten Blutverlusten,
- eine Liste deiner Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel.
Bitte die Praxis dann um eine konkrete Antwort: Welche Auffälligkeit soll weiter abgeklärt werden, welche Untersuchung hilft dabei, und wann soll der Befund kontrolliert werden?
Die Auswahl der weiteren Untersuchungen übernimmt die behandelnde Praxis. Du musst dir aus den Abkürzungen keine eigene Testbatterie zusammenstellen.
Quellen
-
Das Rechenmodell verwendet frei gewählte Ausgangswerte und die Formeln aus Thomas: Labor und Diagnose, Abschnitt 15.2.2. Es zeigt einen mathematischen Zusammenhang, keinen gemessenen Patientenverlauf. Die Umrechnung von g/dL in g/L ändert nur die Einheit. ↩ ↩2 ↩3
