Scheinfasten: Was ist die Fasting Mimicking Diet und was ist belegt?

Fünf Tage lang essen und trotzdem fasten. Das klingt nach einem Trick, der zu gut ist, um zu stimmen.

Genau das verspricht Scheinfasten, auf Englisch Fasting Mimicking Diet (kurz FMD, wörtlich „Diät, die das Fasten nachahmt”). Der Begriff taucht seit ein paar Jahren überall auf, in Zeitschriften, in Podcasts, bei den NDR-„Ernährungs-Docs”.

Diese Seite erklärt, was hinter dem Verfahren steckt, was die Studien wirklich gemessen haben und wo die Grenzen liegen. Es geht um die Methode, nicht um eine Bewertung eines Anbieters.

Was Scheinfasten ist

Scheinfasten kommt vom Alterungsforscher Valter Longo. Er ist Professor an der Leonard Davis School of Gerontology der University of Southern California in Los Angeles und leitet dort das USC Longevity Institute.

Das Prinzip in einem Satz: Fünf Tage am Stück gibt es sehr wenig Kalorien, fast nur pflanzlich, wenig Eiweiß und wenig Zucker, dafür viel Fett aus Nüssen und Oliven.

Die Größenordnung steht in den Studien selbst: Der erste Tag liefert rund 1.100 kcal, die vier folgenden Tage jeweils etwa 700 bis 750 kcal. Eiweiß macht dabei nur rund 9 bis 11 Prozent der Energie aus, Fett dagegen gut 44 Prozent.1 Die US-Patentschrift zum Verfahren nennt einen weiteren Rahmen von 700 bis 1.200 kcal am Tag.2

Zum Vergleich: Ein Erwachsener braucht meist 1.800 bis 2.500 kcal. Es geht also um ein Drittel bis die Hälfte davon.

Der Gedanke dahinter: Der Körper soll die Signale nicht mehr erkennen, die „es ist genug Nahrung da” bedeuten. Wenig Eiweiß und wenig Zucker halten zwei dieser Signale flach, nämlich Insulin (das Hormon nach dem Essen) und IGF-1 (ein Wachstumssignal, das eng am Eiweiß hängt). Das Fett aus Nüssen und Oliven liefert Energie, ohne diese Signale stark anzuschieben. Ergebnis laut Konzept: Der Stoffwechsel verhält sich fast wie beim echten Fasten, obwohl der Teller nicht leer ist.

Der Begriff in deutschen Medien

Scheinfasten taucht regelmäßig in der NDR-Reihe „Die Ernährungs-Docs” auf. In Folge 59 des Podcasts vom 30. Juli 2025 geht es um Scheinfasten bei Fibromyalgie, einer Erkrankung mit dauerhaften Schmerzen im ganzen Körper.3

Für viele ist so eine Sendung die erste Fundstelle, nicht die Forschung dahinter. Und viele suchen danach direkt einen Plan zum Nachmachen. Warum hier keiner steht, steht weiter unten.

Was die Studien wirklich zeigen

StudieWas gemessen wurdeWas rauskam
Wei et al. 2017, Science Translational Medicine. 100 gesunde Erwachsene randomisiert (52 Scheinfasten, 48 Kontrolle), 71 schlossen drei Zyklen über drei Monate ab4Gewicht, Bauchfett, Blutdruck, IGF-1, Blutzucker, Blutfette, CRP (ein Entzündungswert)Grob 2,5 bis 3 kg weniger Gewicht, Blutdruck rund 4,5 zu 3,1 mmHg niedriger, IGF-1 gesunken.5 Keine schweren Nebenwirkungen berichtet. Die Werte zu Blutfetten und CRP stammen aus einer nachträglichen Auswertung (post hoc), vor allem bei Teilnehmern mit schlechten Startwerten.
Brandhorst et al. 2024, Nature Communications. Keine neue Studie: nachträgliche Auswertung der 2017er Studie plus einer zweiten Studie1„Biologisches Alter” aus Blutwerten, Leberfett im MRT, InsulinresistenzBiologisches Alter bei den 52 Personen der 2017er Studie im Median knapp 2,5 Jahre niedriger (im Mittel rund 1,5 Jahre), unabhängig vom Gewichtsverlust. Beide Studien zusammen (86 Personen): 2,6 Jahre. Das Leberfett wurde nur bei 15 Freiwilligen gemessen, davon hatten 5 überhaupt eine Fettleber.
Brandhorst et al. 2015, Cell Metabolism. Mäuse plus eine kleine Vorstudie am Menschen6Tierdaten: Lebensdauer, Tumorhäufigkeit, Immunsystem, Knochendichte. Menschen: nur RisikomarkerMäuse lebten länger, hatten weniger Bauchfett und seltener Tumoren. Beim Menschen nur Marker, sehr kleine Gruppe.

So weit die Zahlen. Jetzt die ehrliche Lesart.

Die Studien sind klein und kurz. Die größte hat 100 Teilnehmer und lief drei Monate. Das ist für eine Frage nach Alterung und Krankheitsrisiko sehr wenig. Die Teilnehmer waren außerdem überdurchschnittlich gesund und gebildet. Die Autoren schreiben selbst, dass sich die Ergebnisse deshalb nicht ohne Weiteres auf alle übertragen lassen.1

Fast alles sind Marker, keine harten Endpunkte. Blutdruck, IGF-1, Cholesterin und CRP sind Surrogat-Werte, also Stellvertreter-Werte. Sie deuten auf ein Risiko hin, sie sind aber nicht die Krankheit selbst. Beim Menschen ist bisher nicht gezeigt, dass Scheinfasten Herzinfarkte, Krebs oder Demenz verhindert oder das Leben verlängert. Die Daten zur Lebensdauer stammen von Mäusen.

Das „biologische Alter” ist ein Rechenmodell. Der Wert kommt aus einer Formel, die Blutwerte zusammenrechnet. Er ist nicht dasselbe wie gemessenes Altern. Und er galt längst nicht für alle: In der 2017er Gruppe zeigten 16 von 52 Teilnehmern (rund 31 Prozent) gar keine Verbesserung.1

Die 2024er Arbeit ist keine unabhängige Bestätigung. Sie wertet dieselben Blutproben aus der 2017er Studie neu aus, ergänzt um eine zweite Studie derselben Arbeitsgruppe. Das ist nachträgliche Forschung an vorhandenem Material.

Nicht jeder hält das durch. In der 2017er Studie brachen 13 von 52 Teilnehmern der Scheinfasten-Gruppe ab (25 Prozent), in der Kontrollgruppe nur 5 von 48 (10 Prozent).1 Schwere unerwünschte Ereignisse wurden zwar keine berichtet, aber die Studienbasis dafür ist klein.

Kurz: Die Richtung ist plausibel, und in den bisherigen Studien ist nichts Schweres passiert. Für die großen Versprechen rund um Altern und Krankheit reichen die Daten nicht.

Herkunft und Patentlage

Rund um das Verfahren gibt es Patente und eine Firma. Das steht in den Studien selbst, in der Erklärung zu Interessenkonflikten:1

  • Die University of Southern California hat Schutzrechte an dem Verfahren an die Firma L-Nutra lizenziert. Aus diesem Vertrag kann die Universität Lizenzgebühren erhalten. Longo ist in den Patenten als Erfinder genannt, zum Beispiel im US-Patent 11504408 zu Scheinfasten bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, erteilt im November 2022.2
  • Die in den Studien verwendeten Lebensmittel wurden von L-Nutra gestellt. Die Rezepturen gehören USC und L-Nutra.
  • Longo und ein weiterer Autor halten Firmenanteile an L-Nutra. Beide waren laut Studie nicht an der Erhebung und Auswertung der Daten beteiligt.
  • Zu Longos Anteilen steht in der Studie, dass 100 Prozent davon an gemeinnützige Organisationen und Firmen gehen sollen, darunter die Create Cures Foundation. Die Herstellerseite formuliert es so, dass er die Gewinne aus seinen Anteilen an diese Stiftung spendet.7

L-Nutra vertreibt das kommerzielle Fünf-Tage-Fertigprogramm ProLon. „Fasting Mimicking Diet” wird vom Hersteller als geschützte Marke geführt.7

Das ist ein möglicher Interessenkonflikt, offengelegt und mit Vorkehrungen versehen. Es macht die Ergebnisse nicht falsch. Es bedeutet aber, dass die bisherigen Daten weitgehend aus dem Umfeld stammen, das auch die Rechte hält. Studien von unabhängigen Arbeitsgruppen wären der nächste Schritt.

Was in den Fertigpackungen steckt

Am besten beschrieben ist die Version, die in den Studien eingesetzt wurde. Laut Methodenteil bestand sie aus Gemüsesuppen, Riegeln, einem Energie-Getränk, salzigen Snacks, Tee und einem Präparat mit Mineralstoffen, Vitaminen und essenziellen Fettsäuren. Alles pflanzlich. Die Portionen für jeden Tag waren einzeln verpackt, damit niemand versehentlich die Ration des nächsten Tages isst.1

Wichtig für das Verständnis der Studien: Getestet wurde immer dieses Gesamtpaket. Welcher Teil davon wirkt, also die Kalorienmenge, der niedrige Eiweißanteil, die Zusammensetzung oder schlicht die fünf Tage Pause vom normalen Essen, ist damit nicht geklärt. Die Studien können das gar nicht auseinanderhalten.

Warum hier kein Ernährungsplan zum Download steht

Die meisten, die „Scheinfasten Ernährungsplan” oder „Scheinfasten Anleitung PDF” suchen, wollen einen Zettel zum Nachmachen. Verständlich. Diese Seite liefert ihn trotzdem nicht, aus zwei Gründen.

Erstens: Untersucht wurde ein genau standardisiertes Programm. Ein selbst zusammengestellter Fünf-Tage-Plan aus Suppe und Nüssen sieht ähnlich aus, ist aber nicht dasselbe wie das, was in den Studien gemessen wurde. Die Ergebnisse lassen sich darauf nicht einfach übertragen.

Zweitens: Fünf Tage bei 700 kcal sind ein Eingriff in den Stoffwechsel. Was für wen passt, hängt von Vorerkrankungen, Medikamenten und Ausgangsgewicht ab. Das kann eine Website nicht für dich entscheiden, und sie sollte es auch nicht.

Für wen das Verfahren nicht in Frage kommt

In den Quellen tauchen immer wieder dieselben Gegenanzeigen auf. Als reine Aufzählung, ohne Empfehlung:

  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Untergewicht
  • Essstörung in der Vorgeschichte oder aktuell
  • Diabetes mit Medikamenten, besonders Insulin oder Sulfonylharnstoffe (Tabletten, die den Blutzucker senken)
  • Schwere Erkrankungen, zum Beispiel an Herz, Nieren oder Leber
  • Kinder und Jugendliche

Wer regelmäßig Medikamente nimmt, gehört mit so einer Frage in ein ärztliches Gespräch. Bei Blutzucker- und Blutdruckmitteln kann eine starke Kalorienreduktion die Dosis verändern.

Scheinfasten ist kein Abnehm-Programm

Hier wird viel durcheinandergeworfen, deshalb die Abgrenzung.

Scheinfasten ist nicht Wasserfasten. Beim Wasserfasten gibt es null Kalorien. Beim Scheinfasten wird gegessen, nur wenig und nach Vorgabe. Das ist deutlich milder, aber eben auch kein echtes Fasten.

Scheinfasten ist nicht Intervallfasten. Intervallfasten regelt, wann du isst, meist täglich. Scheinfasten ist ein Block von fünf Tagen, ein paar Mal im Jahr.

Und es ist kein Abnehm-Programm im engeren Sinn. Grob 2,5 bis 3 kg in drei Monaten sind wenig. Ob davon etwas dauerhaft bleibt, ist offen, denn die Studien endeten nach drei Monaten. Wie viel Fasten überhaupt am Gewicht macht, steht in einem eigenen Artikel.

Fürs Abnehmen zählt eine andere Größe, nämlich das Kaloriendefizit, also wie viele Kalorien über Wochen fehlen. Als kurze, harte Diät mit eigenen Sicherheitsregeln ist PSMF beschrieben. Den rechnerischen Tagesbedarf liefert der Kalorienrechner.

Fazit

Scheinfasten ist ein sauber durchdachtes Verfahren mit echten Studien dahinter. Das unterscheidet es von den meisten Diäten mit klingenden Namen.

Was die Studien zeigen: kleine Verbesserungen bei Blutdruck, Blutfetten und IGF-1, vor allem bei Menschen mit schlechten Startwerten, ohne dass schwere Nebenwirkungen berichtet wurden. Was sie nicht zeigen: dass Menschen dadurch länger leben oder seltener krank werden. Die Daten sind klein, kurz und stammen bisher weitgehend aus dem Umfeld, das auch die Rechte am Verfahren hält.

Und fürs Abnehmen ist es das falsche Werkzeug. Fünf harte Tage alle paar Monate bewegen die Waage kaum. Was sie bewegt, ist das, was in den elf Wochen dazwischen passiert. Das ist unspektakulär, aber es ist der Teil, der zählt. Mehr dazu im Artikel zum Jo-Jo-Effekt.

Quellen

  1. Brandhorst, S. et al. (2024): “Fasting-mimicking diet causes hepatic and blood markers changes indicating reduced biological age and disease risk”. Nature Communications 15(1), 1309. doi:10.1038/s41467-024-45260-9. Enthält auch die Beschreibung der verwendeten Lebensmittel, die Abbrecherzahlen der Studie von 2017 und die Erklärung zu Interessenkonflikten. Link 2 3 4 5 6 7

  2. US-Patent 11504408 B2, “Fasting-mimicking diet (FMD) but not water-only fasting promotes reversal of inflammation and IBD pathology”. Inhaber: University of Southern California. Erfinder: Valter D. Longo, Min Wei, Priya Rangan. Erteilt am 22.11.2022. Link 2

  3. „Die Ernährungs-Docs, Essen als Medizin”, Folge 59: „Scheinfasten gegen den Schmerz, Dr. Silja Schäfer über Fibromyalgie”, NDR, 30.07.2025. Link

  4. Wei, M. et al. (2017): “Fasting-mimicking diet and markers/risk factors for aging, diabetes, cancer, and cardiovascular disease”. Science Translational Medicine 9(377), eaai8700. doi:10.1126/scitranslmed.aai8700. Link

  5. Zahlen zu Gewicht, Blutdruck und Blutfetten nach der Mitteilung der University of Southern California zur Studie von 2017. Link

  6. Brandhorst, S. et al. (2015): “A Periodic Diet that Mimics Fasting Promotes Multi-System Regeneration, Enhanced Cognitive Performance, and Healthspan”. Cell Metabolism 22(1), 86 bis 99. doi:10.1016/j.cmet.2015.05.012. Link

  7. Angaben des Herstellers L-Nutra zu Valter Longo, zur Marke „Fasting Mimicking Diet” und zur Spende der Gewinne aus seinen Firmenanteilen an die Create Cures Foundation, abgerufen im August 2026. Link 2

Häufige Fragen

Was ist Scheinfasten?

Scheinfasten ist die deutsche Bezeichnung für die Fasting Mimicking Diet (FMD). Fünf Tage am Stück gibt es sehr wenig Kalorien, fast nur pflanzlich, wenig Eiweiß und wenig Zucker, dafür viel Fett aus Nüssen und Oliven. Entwickelt hat das Verfahren der Alterungsforscher Valter Longo an der University of Southern California. Die Idee: Der Körper soll in eine Fasten-ähnliche Stoffwechsellage kommen, obwohl weiter gegessen wird.

Wie viele Kalorien hat Scheinfasten?

In den Studien lieferte der erste Tag rund 1.100 kcal, die vier folgenden Tage jeweils etwa 700 bis 750 kcal. Eiweiß macht dabei nur rund 9 bis 11 Prozent der Energie aus. Das ist grob ein Drittel bis die Hälfte dessen, was ein Erwachsener normalerweise braucht. Die US-Patentschrift zum Verfahren nennt einen weiteren Rahmen von 700 bis 1.200 kcal pro Tag.

Gibt es einen Scheinfasten-Ernährungsplan als PDF?

Hier nicht. Die Studien haben ein fertig zusammengestelltes Programm getestet, bei dem Menge, Eiweißanteil und Fettanteil pro Tag genau festgelegt waren. Ein selbst nachgebauter Fünf-Tage-Plan ist etwas anderes als das, was untersucht wurde. Deshalb steht auf dieser Seite, was das Verfahren ist und was die Daten zeigen, aber keine Essensanleitung.

Was haben die Ernährungs-Docs mit Scheinfasten zu tun?

Scheinfasten kommt in der NDR-Reihe „Die Ernährungs-Docs“ vor. In Folge 59 des Podcasts vom 30. Juli 2025 geht es um Scheinfasten bei Fibromyalgie, einer Erkrankung mit dauerhaften Schmerzen im ganzen Körper. Die Sendung ist damit für viele die erste Fundstelle. Das Verfahren selbst stammt aus der Forschung von Valter Longo in Kalifornien.

Nimmt man mit Scheinfasten ab?

In der größten Studie dazu verloren die Teilnehmer nach drei Zyklen über drei Monate grob 2,5 bis 3 kg. Das ist wenig für drei Monate. Scheinfasten wurde auch nicht als Abnehm-Programm entwickelt, sondern als Verfahren für Stoffwechselwerte. Wie viel davon dauerhaft bleibt, ist offen: Die Studien liefen nur drei Monate.

Was ist der Unterschied zwischen Scheinfasten und Wasserfasten?

Beim Wasserfasten gibt es null Kalorien, nur Wasser und ungesüßte Getränke. Beim Scheinfasten wird gegessen, nur sehr wenig und nach festen Vorgaben. Scheinfasten ist damit deutlich milder, aber eben auch kein echtes Fasten. Mehr dazu steht im Artikel zum Wasserfasten.

Für wen ist Scheinfasten nicht geeignet?

In den Quellen werden regelmäßig genannt: Schwangerschaft und Stillzeit, Untergewicht, eine Essstörung in der Vorgeschichte, Diabetes mit Medikamenten, schwere Erkrankungen und Kinder oder Jugendliche. Wer Medikamente nimmt oder eine chronische Erkrankung hat, klärt so etwas vorher in einem ärztlichen Gespräch.