Abnehmspritze: Wirkung, Risiken und Kosten, ärztlich erklärt
Kaum ein Thema in der Ernährungsmedizin hat sich in so kurzer Zeit so stark verändert. Vor wenigen Jahren galten fünf bis zehn Prozent Gewichtsverlust als das, was eine Behandlung realistisch schafft. Heute erreichen zugelassene Medikamente Werte, die vorher nur die Chirurgie geschafft hat.
Ich war lange skeptisch. Ich habe viele angebliche Durchbrüche kommen und gehen sehen, und ich habe jahrelang mit Menschen daran gearbeitet, ohne Medikamente dauerhaft schlanker zu werden. Was mich umgestimmt hat, waren nicht die Schlagzeilen, sondern die Datenlage und die Verläufe von Menschen, bei denen jahrelang nichts funktioniert hatte. Gleichzeitig ist das hier kein Wundermittel, und wer es so verkauft, verschweigt dir die Hälfte.
Diese Seite ist der Überblick über die ganze Gruppe der Abnehmmedikamente und speziell über das, was umgangssprachlich Abnehmspritze heißt. Sie sagt dir, wie die Mittel wirken, was sie realistisch bringen, was sie kosten und worauf es ankommt, damit hinterher nicht alles zurückkommt.
Was Abnehmspritzen sind
Abnehmspritzen sind verschreibungspflichtige Medikamente, die du dir mit einem dünnen Fertigpen unter die Haut spritzt, meist einmal pro Woche. Sie sind ein Teil der Abnehmmedikamente. Zu dieser größeren Gruppe gehören außerdem Tabletten wie Orlistat, das die Fettaufnahme im Darm hemmt, oder Mysimba aus Naltrexon und Bupropion.
Was die Spritzen von den älteren Mitteln unterscheidet, ist der Ansatzpunkt. Sie greifen nicht in die Verdauung ein und kurbeln auch nichts an. Sie verändern, wie hungrig du bist.
Die Wirkstoffe gehören zu den Inkretinmimetika. Sie ahmen Hormone nach, die dein Darm nach dem Essen ausschüttet. Ursprünglich wurden sie für Typ-2-Diabetes entwickelt. Dass Menschen darunter deutlich abnahmen, war anfangs ein Nebenbefund.
Wie GLP-1 und GLP-1/GIP wirken
GLP-1 ist ein körpereigenes Hormon. Dein Darm gibt es frei, wenn Nahrung ankommt, und es meldet dem Gehirn, dass Nachschub da ist. Nach wenigen Minuten ist es wieder abgebaut. Genau deshalb funktioniert die Idee nicht, GLP-1 über Lebensmittel oder Supplemente nennenswert zu erhöhen. Was der Körper in Minuten abbaut, kann deinen Appetit nicht über den Tag tragen.
Die Medikamente sind chemisch so verändert, dass sie tagelang stabil bleiben. Sie halten das Signal dauerhaft auf hohem Niveau statt für Minuten nach der Mahlzeit. Das wirkt über zwei Wege.
Der eine ist die verlangsamte Magenentleerung. Das Essen bleibt länger im Magen, das Sättigungsgefühl hält länger an. Dieser Effekt erklärt allerdings nur einen kleineren Teil der Wirkung und lässt im Lauf der ersten Monate deutlich nach.
Der wichtigere Weg läuft über das Gehirn. Appetitregulation und Belohnungssystem reagieren, hochkalorische Speisen verlieren an Anziehungskraft. Viele Anwender beschreiben, dass der ständige Gedanke ans Essen leiser wird. Wenn du das kennst, findest du dazu mehr unter ständig ans Essen denken und emotionales Essen.
Tirzepatid wirkt zusätzlich am GIP-Rezeptor, einem zweiten Darmhormon-Rezeptor. Diese doppelte Wirkung ist der wahrscheinlichste Grund dafür, dass Tirzepatid in Studien stärker abnehmen lässt als die reinen GLP-1-Wirkstoffe.
Ein Punkt wird oft falsch dargestellt: Diese Medikamente heizen deinen Stoffwechsel nicht an und lösen kein Fett aus den Fettzellen. Sie erzeugen ein Kaloriendefizit, indem du weniger isst. Der Weg dahin ist derselbe wie bei jeder Diät, nur dass der Hunger nicht dagegenarbeitet.
Kann man GLP-1 mit Lebensmitteln oder Supplements erhöhen?
Nach bestimmten Mahlzeiten schüttet dein Darm tatsächlich mehr körpereigenes GLP-1 aus. Auch für einzelne Pflanzenstoffe wurden solche Effekte untersucht. Daraus folgt aber nicht, dass ein Lebensmittel oder Supplement wie Semaglutid oder Tirzepatid wirkt. Viele der oft zitierten Versuche stammen aus Zellkulturen oder Tiermodellen. In kleinen Humanstudien verändern einzelne Stoffe bestenfalls kurzfristig einen Laborwert. Sie erzeugen weder die tagelange Rezeptorwirkung noch den in Zulassungsstudien beobachteten Gewichtsverlust der Medikamente.
Eine protein- und ballaststoffreiche Ernährung kann trotzdem sinnvoll sein, weil sie Sättigung, Nährstoffversorgung und Muskelerhalt unterstützt. Das ist Ernährungswirkung, keine „natürliche Abnehmspritze“.
Für wen eine ärztliche Behandlung infrage kommen kann
Die zugelassenen Grenzen sind bei allen drei Wirkstoffen ähnlich. Laut Europäischer Arzneimittel-Agentur kommen Erwachsene infrage mit einem BMI ab 30, oder ab einem BMI von 27 in Kombination mit einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörung oder Schlafapnoe. Für Semaglutid gibt es zusätzlich eine Zulassung für Jugendliche ab zwölf Jahren mit Adipositas und einem Körpergewicht über 60 Kilogramm.
In der deutschen S3-Leitlinie Adipositas sind die Medikamente eine Ergänzung, kein Ersatz. Ernährung, Bewegung und Verhalten bleiben die Basis, das Medikament kommt dazu, wenn diese Basis allein nicht ausreicht. Genau so waren auch die Zulassungsstudien aufgebaut: alle Teilnehmenden bekamen eine Ernährungs- und Bewegungsberatung, die Medikamentengruppe zusätzlich den Wirkstoff.
Bei leichtem Übergewicht ohne Begleiterkrankung ist eine Verschreibung nicht vorgesehen. Ebenso wenig, wenn es nur darum geht, ein bereits normales Gewicht bequemer zu halten.
Es gibt Situationen, in denen die Mittel nicht oder nur nach besonders sorgfältiger Prüfung eingesetzt werden sollten. Dazu gehören Schwangerschaft und Stillzeit. Nach einer früheren Bauchspeicheldrüsenentzündung ist besondere Vorsicht nötig. Auch schwere Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, bestimmte Begleitmedikamente und eine bestehende Essstörung gehören vor der Verschreibung auf den Tisch. Die Gegenanzeigen und Warnhinweise unterscheiden sich je nach Präparat. Ob und was in deinem Fall passt, gehört deshalb in ein persönliches Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, nicht auf eine Website.
Deinen aktuellen Wert kannst du mit dem BMI-Rechner bestimmen, aussagekräftiger für die Körperzusammensetzung ist der Körperfettrechner. Wenn Blutzucker im Raum steht, sind HbA1c und Nüchternblutzucker die Werte, die dein Arzt sehen will.
Wegovy und Semaglutid
Semaglutid ist ein reiner GLP-1-Rezeptoragonist und der Wirkstoff, der die Diskussion ins Rollen gebracht hat. Unter dem Handelsnamen Wegovy ist er in Europa zur Gewichtsreduktion zugelassen, in Kombination mit einer kalorienreduzierten Ernährung und mehr Bewegung.
In der Zulassungsstudie STEP 1 verloren die Teilnehmenden mit Semaglutid 2,4 mg über 68 Wochen im Mittel 14,9 Prozent ihres Körpergewichts, in der Placebogruppe waren es 2,4 Prozent. Bei 100 Kilogramm Ausgangsgewicht entspricht das im Schnitt rund 15 Kilogramm.
Interessant ist ein zweiter Befund. In der SELECT-Studie senkte Semaglutid 2,4 mg bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas und bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, aber ohne Diabetes, das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse um rund 20 Prozent gegenüber Placebo. Der Nutzen dieser Wirkstoffe hängt also nicht nur an der Zahl auf der Waage.
Die Dosis wird über mehrere Monate schrittweise gesteigert, um Nebenwirkungen abzufedern. Wie schnell und wie weit, entscheidet ärztlich, nicht ein Kalender im Internet.
Mounjaro und Tirzepatid
Tirzepatid wirkt an zwei Rezeptoren, GLP-1 und GIP. In Deutschland wird es unter dem Namen Mounjaro vertrieben und ist sowohl bei Typ-2-Diabetes als auch für das Gewichtsmanagement zugelassen. Der US-Handelsname Zepbound taucht in deutschen Foren regelmäßig auf, dieses Präparat gibt es hier aber nicht.
In der Zulassungsstudie SURMOUNT-1 verloren Teilnehmende ohne Diabetes über 72 Wochen je nach Dosis im Mittel 15,0 Prozent, 19,5 Prozent oder 20,9 Prozent ihres Körpergewichts, in der Placebogruppe 3,1 Prozent. Damit ist Tirzepatid derzeit der stärkste in Deutschland zugelassene Wirkstoff dieser Gruppe.
Ein direkter Vergleich der Prozentwerte aus verschiedenen Zulassungsstudien wäre allerdings irreführend. Teilnehmende, Studiendauer und Begleitbehandlung unterschieden sich. Wie zwei Wirkstoffe im direkten Vergleich abschneiden, lässt sich nur aus Studien ableiten, die sie unter denselben Bedingungen gegeneinander testen.
Mehr Details zu Wirkung, Anwendung und Nebenwirkungen findest du im ausführlichen Artikel zu Tirzepatid und Mounjaro.
Ozempic und die Abgrenzung zur Adipositastherapie
Ozempic enthält denselben Wirkstoff wie Wegovy, nämlich Semaglutid. Trotzdem sind es zwei verschiedene Arzneimittel. Ozempic ist für die Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen und in niedrigeren Dosisstufen erhältlich. Wegovy ist das Präparat für die Gewichtsreduktion.
Diese Unterscheidung ist mehr als Formalität. Wer Ozempic zum Abnehmen einsetzt, bewegt sich außerhalb der Zulassung, also im Off-Label-Use. Das verschiebt die Haftung, ändert die Erstattung und war in den Lieferengpässen der vergangenen Jahre ein realer Grund dafür, dass Menschen mit Diabetes ihr Medikament nicht bekamen.
Wenn du liest, jemand nehme Ozempic zum Abnehmen, dann ist das im Regelfall genau diese Off-Label-Situation. Das ist kein bloßer Papierunterschied. Zulassung, Fachinformation und Erstattung beziehen sich bei Ozempic auf Typ-2-Diabetes, nicht auf die Behandlung von Adipositas.
Saxenda und Liraglutid
Liraglutid war der erste GLP-1-Wirkstoff mit Zulassung zur Gewichtsreduktion. Als Saxenda in der Dosis 3,0 mg wird es zum Abnehmen eingesetzt, als Victoza in niedrigerer Dosis bei Typ-2-Diabetes.
Der wichtigste praktische Unterschied: Liraglutid muss täglich gespritzt werden, nicht wöchentlich. Und es wirkt schwächer. In der SCALE-Studie verloren die Teilnehmenden über 56 Wochen im Mittel rund 8 Prozent ihres Körpergewichts gegenüber rund 2,6 Prozent unter Placebo.
Damit ist Liraglutid heute selten die erste Wahl, kann aber sinnvoll sein, wenn die neueren Wirkstoffe nicht vertragen werden oder nicht lieferbar sind. Mehr dazu im Beitrag zu Liraglutid.
Was realistisch möglich ist
Die Studienzahlen sind Mittelwerte über große Gruppen. Sie sagen dir, was im Durchschnitt passiert, nicht was bei dir passiert. Drei Dinge solltest du dazu wissen.
Erstens ist die Streuung groß. In der Semaglutid-Zulassungsstudie erreichte ein Teil der Behandelten nicht einmal fünf Prozent Gewichtsverlust. Wenn die erwartete Wirkung ausbleibt, sollte die Behandlung ärztlich neu bewertet werden. Wann das sinnvoll ist und welche Kriterien gelten, hängt vom Präparat, der erreichten Dosis, der Verträglichkeit und der bisherigen Behandlungsdauer ab.
Zweitens verläuft die Abnahme nicht linear. Am schnellsten geht es in den ersten Monaten, danach wird es flacher, irgendwann kommt ein Plateau. Das ist kein Zeichen dafür, dass das Medikament aufhört zu wirken. Mit sinkendem Körpergewicht sinkt auch dein Energieverbrauch, gleichzeitig steigt der Hunger wieder an. Beides zusammen frisst das Defizit auf. Genau dasselbe passiert bei jeder Diät ohne Medikament, nachzulesen unter Hungerstoffwechsel.
Drittens sagt die Waage nicht die ganze Wahrheit. Wasserhaushalt, Darminhalt und bei Frauen der Zyklus können das Gewicht merklich verschieben, ohne dass sich am Fett etwas ändert. Sinnvoll sind regelmäßige Messungen unter vergleichbaren Bedingungen. Wer häufig misst, kann einen gleitenden Mittelwert betrachten, statt einzelne Ausschläge zu überbewerten.
Was diese Medikamente nicht tun: Sie ersetzen keine Ernährungsumstellung, sie bauen keine Gewohnheiten auf und sie garantieren nichts. Wer sie als Alleinlösung nimmt, landet nach dem Absetzen dort, wo er losgelaufen ist.
Häufige und wichtige Risiken
Die meisten Nebenwirkungen betreffen den Magen-Darm-Trakt. Laut den europäischen Produktinformationen sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen häufig. Sie treten vor allem in den ersten Wochen und nach jeder Dosissteigerung auf und lassen bei vielen Menschen nach einigen Wochen nach. Fettreiche und sehr große Mahlzeiten verstärken sie zuverlässig.
Seltener, aber ernst zu nehmen sind je nach Präparat unter anderem Gallensteine und Gallenblasenentzündungen sowie eine Bauchspeicheldrüsenentzündung. Wegen der Wirkung auf die Magenentleerung ist bei ausgeprägten Magen-Darm-Beschwerden besondere Vorsicht nötig. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes kann sich unter rascher Blutzuckersenkung eine bestehende diabetische Netzhauterkrankung vorübergehend verschlechtern. In Kombination mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen steigt das Risiko für Unterzuckerungen.
Anhaltende, starke Bauchschmerzen, besonders wenn sie in den Rücken ausstrahlen, müssen sofort ärztlich abgeklärt werden. Ob das Medikament pausiert oder abgesetzt werden soll, klärst du in dieser Situation direkt mit dem behandelnden Team.
Nicht jede kursierende Schlagzeile hält der Prüfung stand. Was als Ozempic Face oder Ozempic Butt durch die Medien geht, ist in aller Regel eine Folge von schnellem Gewichtsverlust überhaupt, unabhängig vom Weg dorthin. Wer viel und schnell abnimmt, verliert auch im Gesicht und am Gesäß Volumen.
Und der wichtigste Punkt zur Sicherheit: Diese Medikamente gehören in ärztliche Hand, mit Kontrolle von Verlauf, Verträglichkeit und Begleitmedikation. Bezugswege ohne Rezept, Peptide aus dem Netz und Mittel wie Lemon Bottle oder Abnehmpflaster gehören nicht in dieselbe Kategorie und sind entweder unwirksam oder gefährlich. Auch Hausmittel-Varianten wie Oatzempic oder Apfelessig haben mit der Wirkung dieser Wirkstoffe nichts zu tun.
Kosten und Krankenkasse in Deutschland
Die gesetzliche Krankenkasse zahlt Abnehmmedikamente nicht. Das ist keine Ermessensentscheidung der einzelnen Kasse, sondern steht im Gesetz. Paragraf 34 SGB V schließt Arzneimittel zur Abmagerung, zur Zügelung des Appetits und zur Regulierung des Körpergewichts ausdrücklich von der Versorgung aus.
Praktisch heißt das:
- Wegovy, Saxenda und Mounjaro zur Gewichtsreduktion laufen über ein Privatrezept, die Kosten trägst du selbst.
- Ozempic bei Typ-2-Diabetes und Mounjaro bei Typ-2-Diabetes sind reguläre Kassenleistungen, weil dort die Diabetesbehandlung die Indikation ist.
- Private Krankenversicherungen prüfen im Einzelfall und übernehmen teilweise, wenn die medizinische Notwendigkeit ärztlich begründet ist. Verlass dich nicht darauf, frag vorher schriftlich an.
Zur Größenordnung der Selbstzahlerkosten: Je nach Wirkstoff, Dosisstufe und Packungsgröße liegen sie grob zwischen 170 und 300 Euro pro Monat. Weil die Dosis über Monate steigt, steigen auch die Kosten im Verlauf. Den tagesaktuellen Preis nennt dir deine Apotheke, verlässlicher als jede Zahl auf einer Website.
Rechne ehrlich mit einem längeren Zeitraum, nicht mit acht Wochen. Wenn das Budget nach drei Monaten endet, endet meistens auch das Ergebnis.
Ernährung, Protein und Krafttraining
Hier entscheidet sich, was du neben Fett noch verlierst. Studien zur Körperzusammensetzung berichten häufig Veränderungen der fettfreien Masse. Das ist nicht dasselbe wie Skelettmuskel. Zur fettfreien Masse zählen auch Wasser, Glykogen, Organe, Bindegewebe und Knochen. Ein DXA-Scan kann diese Bestandteile nicht vollständig auseinanderhalten. Schlagzeilen, nach denen ein großer Anteil des Gewichtsverlusts automatisch „Muskel“ sei, übertreiben deshalb die Messdaten.
Das heißt nicht, dass Muskelverlust egal wäre. Bei einem größeren Kaloriendefizit kann echte Muskulatur verloren gehen, besonders ohne Krafttraining und bei zu geringer Proteinzufuhr. Wie viel davon speziell auf GLP-1-Medikamente zurückgeht und wie viel auf Tempo und Ausmaß des Gewichtsverlusts, ist noch nicht abschließend geklärt. Direkte Interventionsdaten speziell unter diesen Medikamenten sind begrenzter als die allgemeine Forschung zum Muskelerhalt während einer Diät.
Zwei Hebel machen fast den ganzen Unterschied.
Protein. Wenn der Appetit sinkt, sinkt häufig auch die Proteinzufuhr. Das kann den Erhalt der Muskulatur erschweren. Wie viel sinnvoll ist, hängt unter anderem von Körperzusammensetzung, Trainingsumfang, Alter und möglichen Nierenproblemen ab. Rechne einen Ausgangswert mit dem Proteinrechner aus und besprich ihn bei Vorerkrankungen ärztlich. Eiweißhaltige Lebensmittel mit viel Protein pro Kalorie helfen, wenn du nur kleine Portionen schaffst. Mehr Hintergrund findest du im Artikel zu Eiweiß.
Krafttraining. Wenn nur eine Trainingsform in deinen Alltag passt, dann diese. Nicht wegen des Kalorienverbrauchs, der ist gegenüber dem Defizit aus dem Medikament vernachlässigbar. Sondern weil Krafttraining dem Körper das Signal gibt, die Muskulatur zu behalten, und weil es die Knochendichte schützt, die bei Gewichtsverlust ohne Training sinken kann. Der Einstieg darf klein sein. Zwei kurze Einheiten pro Woche mit wenigen Grundübungen decken einen großen Teil des Nutzens ab. Einen Überblick über Übungen und Aufbau findest du im Trainingsbereich.
Dazu kommen drei praktische Punkte: ausreichend trinken, Ballaststoffe bei Bedarf langsam steigern und sehr große oder fettreiche Mahlzeiten meiden, wenn sie Beschwerden auslösen. Was du verträgst, ist individuell. Bei anhaltendem Erbrechen oder Durchfall sollte wegen des Flüssigkeitsverlusts früh ärztlicher Rat dazukommen.
Wie du dein Defizit sinnvoll ansetzt, steht im Artikel zum Kaloriendefizit, rechnen kannst du es mit dem Kalorienrechner.
Absetzen, Gewichtszunahme und die Langfriststrategie
Das ist der Teil, der in der Werbung fehlt. Der Appetit kommt zurück, sobald der Wirkstoff abgebaut ist, und mit ihm kommt in aller Regel das Gewicht.
Die Zahlen dazu sind eindeutig. In der Nachbeobachtung der Semaglutid-Zulassungsstudie hatten die Teilnehmenden ein Jahr nach dem Absetzen etwa zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zugenommen. Bei Liraglutid war es im Mittel etwa ein Drittel. Das ist kein Sonderproblem dieser Medikamente. Nach jeder Diät ohne begleitende Verhaltensänderung passiert dasselbe, siehe Jo-Jo-Effekt.
Daraus folgt eine unbequeme, aber ehrliche Konsequenz: Adipositas verhält sich wie eine chronische Erkrankung mit Rückfallneigung. Für viele Menschen bedeutet das eine dauerhafte Behandlung, so wie bei Bluthochdruck auch. Das ist kein persönliches Versagen und kein Zeichen von Schwäche.
Was du vor dem Absetzen klären solltest:
- Gemeinsam mit dem behandelnden Team entscheiden, ob und wann ein Absetzen sinnvoll ist. Für ein Ausschleichen gibt es bisher keine allgemein etablierte, evidenzbasierte Standardstrategie.
- Die Basis schon während der Behandlung aufbauen: eine passende Proteinzufuhr, Gemüse und Ballaststoffe, Krafttraining und Alltagsbewegung.
- Regelmäßig messen. Wer sein Gewicht im Blick behält, merkt eine Zunahme bei zwei Kilogramm und nicht erst bei zehn.
- Vorher mit dem behandelnden Team festlegen, was bei erneuter Gewichtszunahme passiert. Eine eigenständige, phasenweise Einnahme ist keine geprüfte Standardstrategie.
Der ehrlichste Satz zu diesen Medikamenten lautet: Sie nehmen dir den Hunger ab, nicht die Arbeit. Die Zeit unter der Behandlung ist die beste Gelegenheit, die du je bekommst, um Essverhalten und Training umzubauen, weil dir der Hunger dabei ausnahmsweise nicht dazwischenfunkt. Wer diese Zeit nutzt, hat hinterher etwas in der Hand. Wer sie verstreichen lässt, fängt von vorn an. Was langfristig trägt, habe ich unter dauerhaft abnehmen beschrieben.
Weiterlesen
- Tirzepatid und Mounjaro im Detail
- Liraglutid: Saxenda und Victoza
- GLP-1: was das Hormon macht
- Inkretinmimetika erklärt
- Trulicity und Dulaglutid
- Mysimba: Naltrexon und Bupropion
- Fett-weg-Spritze: warum das etwas anderes ist
- Proteinbedarf berechnen
- Kaloriendefizit richtig ansetzen
- Jo-Jo-Effekt vermeiden
- Alle Artikel zum Abnehmen
Quellen
- Europäische Arzneimittel-Agentur, Produktinformation Wegovy (Semaglutid): ema.europa.eu
- Europäische Arzneimittel-Agentur, Produktinformation Mounjaro (Tirzepatid): ema.europa.eu
- Europäische Arzneimittel-Agentur, Produktinformation Saxenda (Liraglutid): ema.europa.eu
- Europäische Arzneimittel-Agentur, Produktinformation Ozempic (Semaglutid): ema.europa.eu
- AWMF/DAG, S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas, Version 5.0, Oktober 2024: register.awmf.org
- Wilding JPH et al. Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity (STEP 1). N Engl J Med. 2021;384(11):989-1002: doi.org
- Wilding JPH et al. Weight regain and cardiometabolic effects after withdrawal of semaglutide (STEP 1 trial extension). Diabetes Obes Metab. 2022;24(8):1553-1564: doi.org
- Jastreboff AM et al. Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity (SURMOUNT-1). N Engl J Med. 2022;387(3):205-216: doi.org
- Pi-Sunyer X et al. A Randomized, Controlled Trial of 3.0 mg of Liraglutide in Weight Management (SCALE). N Engl J Med. 2015;373(1):11-22: doi.org
- Lincoff AM et al. Semaglutide and Cardiovascular Outcomes in Obesity without Diabetes (SELECT). N Engl J Med. 2023;389(24):2221-2232: doi.org
- Morton RW et al. Systematic review, meta-analysis and meta-regression of protein supplementation on resistance training-induced gains. Br J Sports Med. 2018: pubmed
- Verreijen AM et al. Effect of a high protein diet and/or resistance exercise on preservation of fat-free mass during weight loss in older adults with overweight or obesity. Nutr J. 2017: pubmed
- Wycherley TP et al. A high-protein diet with resistance exercise improves weight loss and body composition in adults with type 2 diabetes. Diabetes Care. 2010: pubmed
- Drucker DJ. GLP-1 physiology informs the pharmacotherapy of obesity. Mol Metab. 2022: pubmed
- Paragraf 34 SGB V, Ausgeschlossene Arznei-, Heil- und Hilfsmittel: gesetze-im-internet.de
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information über Abnehmmedikamente und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Er stellt keine Diagnose und keine Behandlungsempfehlung für deinen Einzelfall dar. Ob ein Medikament für dich passt, welcher Wirkstoff und welche Dosis sinnvoll sind und was gegen eine Anwendung spricht, klärst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Bei akuten Beschwerden wende dich bitte direkt an eine ärztliche Praxis oder deine Apotheke.
